Sylvia Tarves hat mit Christiane Brandes-Visbeck über das richtige Netzwerk, Karrierewege und Digital Leadership gesprochen.

Netzwerk schlägt Hierarchie: Wie wichtig ist Netzwerken – nicht nur innerhalb der Unternehmen sondern auch außerhalb?
Ich trenne Netzwerken nicht in intern und extern. Denn durch die Digitalisierung erleben wir gerade eine Hyper-Vernetzung. Das bedeutet, dass alles mit allem und jeder mit jedem vernetzt ist. Damit leben wir strukturell in einer Welt, in der man nur überleben kann, wenn man gut vernetzt ist – sowohl als Unternehmen als auch als Einzelperson.

Früher, in der klassischen Unternehmenswelt, war ein Netzwerk auf gleicher Ebene wichtig. Heute ist vernetzen deutlich vielfältiger und findet unabhängig von Hierarchien statt. Wir verbinden uns mit Menschen über gemeinsame Interessen oder auch über gemeinsame Werte und das ist für viele komplett neu. Besonders Menschen in hohen Positionen bekommen dadurch Angst, Angst vor Veränderung, Angst vor Macht- und Kontrollverlust, ja sogar Angst, ihren Job zu verlieren. Dabei befinden wir uns in einer großen Umdenkphase, und verständlicher Weise sind viele nicht ganz offen dafür eben weil sie noch Angst getrieben sind. Einer meiner Ansätze ist es, diese Angst zu überwinden. Deshalb nenne ich mich Impulsgeberin, um den Menschen zu sagen, ich verstehe eure Bedenken und Ängste, diese gilt es zu überwinden und dafür Strategien zu entwickeln, um sich sicherer zu fühlen. Das ist ein wichtiger Punkt in unserem Buch “Netzwerk schlägt Hierarchie”, dass ein großes Netzwerk eben auch ein Sicherungsfaktor ist. Hat man ein großes Netzwerk, muss man sich um einen Jobverlust keine Sorgen machen.

68% der Frauen sehen Netzwerken nicht als Arbeit an – das haben aktuelle Studien gezeigt. Und eigentlich verzichten sie aus falschem Ehrgeiz auch lieber auf Netzwerken. Wie kann man das Ihrer Meinung nach ändern?
Ich erlebe es eher umgekehrt, ich komme aus einer stark vernetzten Welt. Fünf Jahre lang war ich Quartiersleiterin bei den Digital Media Women (DMW), habe den Blog mit aufgebaut, viele Interviews gegeben und kenne daher nur hoch vernetzte Frauen. Ich glaube allerdings, dass vielen Frauen nicht bewusst ist, wie man sich strategisch vernetzt. Damit meine ich nicht, sich zu vernetzen und Produkte zu vertreiben. So hat man früher Sales betrieben. Das geht gar nicht mehr. Vernetzen bedeutet heute, dass man sich anfangs über berufliche Themen austauscht, sich über diesen Fachaustausch besser kennenlernt und sich im nächsten Schritt gegenseitig unterstützt. Das ist Social Selling. Wenn ich neu in einer Gruppe bin, ich schaue mir an, wie die Gruppe funktioniert, gebe im Zweifel erst einmal etwas und wenn ich gegeben habe, kann ich fragen.

Was bedeutet Digital Leadership – warum braucht es neue Führung?
Der zweite wichtige Aspekt eines Digital Leaders ist es, zukunftsgewandt zu sein und das in einer Zeit, die schlecht planbar ist. Er kann sich also nicht auf vergangene Erfahrungen berufen, was klassische Führungskräfte bislang getan haben. Das funktioniert inzwischen nicht mehr. Eine digitale Führungskraft muss also mutig sein in einer sich ständig ändernden Welt, ohne zu wissen, wie die Zukunft aussieht.

Inwiefern beeinflusst die digitale Transformation die Karrieren von Frauen?
Die Digitalisierung, „die unser Leben in allen Bereichen tiefgreifend und qualitativ verändert“, ich zitiere hier mal unsere Bundeskanzlerin, ist es die “…Herausforderung den digitalen Wandel so zu gestalten, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die Technik den Menschen beherrscht.” In meine Augen sind es vor allem Frauen, die die dieses Ziel im Blick haben. Als ich mit einer Gruppe von engagierten Frauen bei den DMW das Leitbild mitentwickelt habe, war mir dieser Gedanke besonders wichtig: „Wir wollen in einer Welt leben, in der Vielfalt herrscht. Wir wollen in einer Welt arbeiten, in der Frauen gleichberechtigt teilhaben und sichtbar Einfluss nehmen. Wir sehen im digitalen Wandel die größte Chance, diese Vision zu verwirklichen.

Christiane Brandes-Visbeck & Ines Gensinger: “Netzwerk schlägt Hierarchie. Neue Führung mit Digital Leadership” Foto: Redline Verlag

Was können Frauen Ihrer Meinung nach konkret und aktiv tun?
Viele Frauen trauen sich nicht, ins kalte Wasser zu springen. Doch wer nicht mutig ist, kommt nicht weit und wird die Welt nicht retten können. Gemeinsam sind wir stark.. Also lasst uns zusammen gehen und mehr Sisterhood leben anstatt neidisch auf die andere zu sein. Lasst uns mehr Unperfektsein wagen und auch mal eine Aufgaben angehen, von der wir nicht genau wissen, ob wir sie hingekommen. Es wird schon schief gehen. Und wir sollten etwas humorvoller sein. Denn Frauen, die verbissen kämpfen, mag niemand. Ich bin ein großer Fan von mutiger Lebensfreude und dem festen Glauben daran, dass die Zukunft eine Chance bietet – für uns alle.

Erleichtern neue Arbeitsformen den Karriereweg von Frauen?
Präsenzkultur ist auf jeden Fall hinderlich für Frauen mit Kindern oder pflegebedürftigen Eltern. Deshalb bin ich froh, dass sich hier etwas ändert. Nichtsdestotrotz gibt es Menschen, die gern vor Ort sind und die Beruf und Privatleben trennen möchten. Das darf man nicht unterschätzen.

Wenn ich dagegen über Ergebnisse geführt werde muss ich mehr leisten. Ich muss mich selbst organisieren, ich muss überlegen, wann ich wo bin und wie lange ich brauche, um meine Ziele zu erreichen. Damit ist man seine eigene Projektleitung. Diese Art zu arbeiten ist viel anstrengender, als wenn mir der Chef im Büro einen Auftrag gibt, der bis zum Nachmittag erledigt werden muss. Diese Art zu arbeiten ist deutlich bequemer.

Außerdem kommt dazu, wenn ich über Ziele geführt arbeite, muss ich mich trauen, mir Freiräume zu nehmen, zu sagen “Ich bin jetzt offline” oder “Diese Deadline kann ich nicht einhalten”. Und man braucht ein Gefühl dafür, was zumutbar ist und was nicht.

Ich persönlich mag diese neue Arbeitskultur. Viele Menschen empfinden sie allerdings als sehr anstrengend und das kann ich verstehen. Deshalb muss jedes Team für sich herausfinden, wie es mit solchen Freiheiten umgeht.

Wenn Sie auf ihre bisherige Karriere zurückblicken, was würden Sie aus heutiger Sicht Ihrem früheren ICH raten?
Ich würde mir auf jeden Fall zu Mentoren und Coaches raten. Es war aber damals nicht üblich, einen Coach oder Mentor zu haben, es fehlten die Vorbilder. Ich hätte in manch einer Situation genauer hinsehen sollen, nach einem Wechsel eines Vorgesetzten zum Beispiel. Es gibt Menschen, die fördern und andere bremsen andere aus. Ich wollte manches vielleicht auch nicht so genau sehen, weil ich als junge Frau sehr, sehr schnell Karriere gemacht habe und das auch irgendwie toll fand. Ich liebte meine Jobs und auch meine Teams. Heute weiß ich, dass es strukturelle Hürden für Frauen in Führung gibt. Dieses Wissen hätte mich sehr entlastet, weil ich bei jedem Rückschritt erstmal den Fehler bei mir gesucht habe. Dieses Wissen spornt mich heute besonders an, mich auch weiterhin aktiv für mehr Frauen in Führung einzusetzen.

Welche Vorteile sehen Sie für Frauen, Teil des Karriere Netzwerks LEADING WOMEN zu sein?
Karrierenetzwerke für Frauen sind wichtig, weil sie die weibliche Perspektive auf Führung zulassen. Es gibt so typisch weibliche Merkmale, die natürlich auch bei Männern zu finden sind, die in der klassischen Karrierewelt wenig Anerkennung finden: emphatische Führung, Leadership by Laughing, kontextuelles Entscheiden – oft ich es einfach nur schön, wenn man feststellt, dass andere Frauen auch so ticken wie man selbst. Und dann gibt es noch so eine Eigenschaft, die ich bei Frauen in Führung beobachte: Hartnäckigkeit und Konsequenz. Sylvia hat mit einem bewundernswerten Mut und einer unfassbaren Ausdauer diese neue Leading Women Portal aufgebaut. Ein tolles Vorbild für Frauen, die genau im New-Work-Modus ihren Lebensweg als eine Lernreise durch immer neue Karrierephasen begreifen.

Rieka Anscheit

Rieka Anscheit

Christiane Brandes-Visbeck ist Kommunikationswissenschaftlerin, Journalistin und Autorin von Fachbüchern über moderne Führung. Sie leitet die von ihr gegründete Beratungsagentur „Ahoi Consulting | Kommunikation und Leadership im digitalen Zeitalter“. Darüber hinaus lehrt sie an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management in Hamburg „Leadership, “Business Ethics“ und „Media Industry“. Sie hält Vorträge auf Fachkonferenzen und Führungskräfte-Veranstaltungen, gibt zahlreiche offene und Inhouse-Workshops, u.a. für die Akademie für Publizistik und die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft. 2017 erschien das Fachbuch Netzwerk schlägt Hierarchie. Neue Führung mit Digital Leadership, das Christiane Brandes-Visbeck mit der Microsoft-Managerin Ines Gensinger im Redline Verlag veröffentlicht hat. Ihr zweites Buch Fit für New Work mit Co-Autorin Susanne Thielecke hat sie im Oktober 2018 publiziert.

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