Warum Frauem von der Digitalisierung profitieren werden – Beitrag von Sylvia Tarves für Saal Zwei

Warum Frauen von der Digitalisierung profitieren werden

Wenn alte Rezepte nicht mehr funktionieren, sehen Firmen sich gezwungen, neue auszuprobieren. In dem Zuge kommen sogar manchmal Frauen in den Vorstand. Doch es sind noch lange nicht genug, schreibt Sylvia Tarves, die Erfinderin des Mixed Leadership-Konferenz. Sie fordert Unternehmen dazu auf, Recruiting und Auswahlprozesse geschlechtsneutral zu gestalten, damit alle Qualifizierten eine Chance auf Führungsjobs haben. Denn eigentlich, davon ist Tarves überzeugt, bringen Frauen sogar die besseren Voraussetzungen für den stattfindenden Wandel mit.

Hamburg, den 10. Februar 2016 – Von Sylvia Tarves – erschienen in Saal Zwei

„Die Digitalisierung erfordert deutlich andere Arbeitswelten und Führungskulturen als wir bisher kannten – demzufolge auch andere Karrieremuster und Auswahlkriterien. Aus meiner Sicht ist das die Chance, nachhaltig mehr Frauen in Führungspositionen zu etablieren und Mixed Leadership in Deutschland zu erreichen!
Vor welchen Herausforderungen stehen wir also und wie können wir die Situation nutzen, um den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen? Welches sind die Digital-Leadership-Skills?

Automobilbranche – sechs Männer im Vorstand, eine Frau

Wie Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Deutschen Telekom AG und renommierter HR-Vordenker, unlängst erwähnte, erleben wir einen Paradigmenwechsel in den Unternehmen – eine neue Führungskultur ist in Deutschland dringend notwendig. Wie sehr wir noch in tradierten Denk- und Verhaltensmustern stecken, zeigen beispielsweise die großen Automobilhersteller wie Daimler und VW. Dort sind sechs Männer im Vorstand und jeweils eine Frau – passenderweise bei beiden Konzernen für das Ressort Integrität und Recht zuständig. Die VW AG hat nach ihrem Abgas-Skandal die Position jüngst mit Frau Christine Hohmann-Deinhardt besetzt. Sie war bis dahin für das gleiche Ressort bei Daimler zuständig. Zugegeben, zumindest ein Zeichen – aber lange nicht zufriedenstellend.
Im Januar dieses Jahres wurde der Gesamtvorstand der D21 Initiative neu gewählt. D21 ist eine Partnerschaft aus Politik und Wirtschaft mit der Zielsetzung, sich gemeinsam für eine digitale Gesellschaft einzusetzen. Sie ahnen es schon, der Vorstand besteht aus 16 Männern und einer Frau! Repräsentiert das unsere Gesellschaft?

Schluss mit ‚Schmidt sucht Schmidtchen‘

Es gibt deutlich mehr hochqualifizierte Frauen, die die Vorstandsressorts der Automobilkonzerne und anderswo verantworten könnten. Das zeigt meine tägliche Praxis als Headhunterin.
Um aber nach vorne zu blicken: Einige Unternehmen beginnen neue Projektteams zu etablieren, die sich intensiv mit Kultur und Führung beschäftigen. Ihr Ziel muss es sein, den Kulturwandel dahingehend zu gestalten, dass unterbewusste Vorurteile und die homosoziale Reproduktion – ‚Schmidt sucht Schmidtchen‘ – keine Chance mehr haben. Dann können weibliche Bewerberinnen objektiv beurteil werden.
Schauen Sie sich herzu mal die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank vor der Neuaufstellung des Vorstands im vergangenen Herbst an: weit und breit keine Vorständin. Nun, in der neuen Ära, ist zumindest ein Vorstand von zehn weiblich: Sylvie Matherat, Chief Regulatory Officer. Es geht doch, möchte man ausrufen! Wenn man nur will. Oder muss.

Eine Frau macht noch keinen Sommer…

Selbstredend kann dieses Verhältnis von einer einzigen Frau in den Teams der männlichen Top-Etagen nur ein kleiner Anfang sein. Auch die Personalabteilungen hiesiger Unternehmen müssen mutiger werden, mehr Einfluss auf die Fachabteilungen bei der Auswahl der neuen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nehmen. Kürzlich sagte mir die Personalleiterin eines Dax 30-Konzerns, die die Besetzung der oberen Führungspositionen verantwortet, dass sie fürchtet, keine passenden Frauen zu finden. Das konnte ich nicht glauben!
Wenn auch Personalleiterinnen nach alten männlichen Karrieremustern vorgehen, die in den digitalen Zeitaltern doch längst überholt sind, dann wird es schwierig. Denn wie kommt diese Einstellung in den Fachabteilungen an? Diese glauben gewiss gerne, dass keine gut qualifizierte Bewerberin zu finden ist – und wieder wird die Position mit einem Mann besetzt. Unabhängig davon, wer besser qualifiziert wäre.

Wir brauchen dringend gendergerechte Auswahlprozesse!

Das Problem ist nicht, die qualifizierten Frauen am Markt zu finden sondern, dass wir in Deutschland keine gendergerechten Recruiting- und Auswahlverfahren haben. Das bedeutet, das nicht nur im Zigarrenclub oder in anderen ‚old boys‘ networks nach geeigneten Vorstandskandidaten oder Aufsichtsräten gesucht wird. Doch es bedeutet viel mehr: Stellenausschreibungen müssen so formuliert werden, dass Frauen wie Männer sich gleichermaßen angesprochen fühlen. Oder Bewerber-Interviews müssen von geschulten Kräften durchgeführt werden, die die Zurückhaltung von Frauen genauso deuten können wie das forsche Auftreten von Männern. Im Zeitalter der Digitalisierung müssen Führungskräfte kooperativer und transparenter agieren sowie offener kommunizieren und stärker in Netzwerken wirken. Zudem steht die Wertschätzung des einzelnen Mitarbeiters ganz oben auf der Agenda haben. Talent und Führungsfähigkeit sind zwar keine Frage der X- oder Y- Chromosomen, aber diese Führungskompetenzen schreibt man im Großen und Ganzen überwiegend Frauen zu. Wenn diese neuen digitalen Führungsanforderungen in die Recruiting – und Auswahlverfahren Einzug halten, haben wir schon bald deutlich mehr Frauen in Führungspositionen.“

Sylvia Tarves ist Inhaberin von Leading Women, einer auf Frauen spezialisierten Personalberatung. Ihre Diversity-Konferenz „Mixed Leadership“ findet am 10. März 2016 in München statt. An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag – exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.